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12. Zürcher Alterskonferenz

Steigende Gesundheitskosten: Vieles haben wir selber in der Hand

28.09.2016 - Mark Zumbühl

Die 12. Alterskonferenz des ZRV im Volkshaus Zürich war ein grosser Erfolg: über 300 Personen verfolgten die Fachreferate und beteiligten sich an einer regen Diskussion. Dass das Thema «Wer ist schuld an den hohen Gesundheitskosten: die Senior/innen?» den Nerv der Zeit treffen würde, war zu erwarten. Eine abschliessende Antwort auf die Titelfrage konnte (und wollte) nicht gegeben werden.

Die grossen Herausforderungen der Gesundheitspolitik von heute waren schon ganz zu Beginn des Nachmittags eingekreist: Demographie, Personal(mangel), Versorgungsstruktur. Bis ins Jahr 2045 wird sich die Zahl der über 80jährigen Menschen verdoppeln und eine Million erreichen. Eine massgebliche Verschiebung hat sich in den letzten 100 Jahren auch in der Aufteilung der Haushaltsbudgets einer Schweizer Familie ergeben: Nach dem ersten Weltkrieg machten die Gesundheitskosten ungefähr 2 bis 3 % der Haushaltsausgaben aus, die Kosten für Lebensmittel etwa 30 %. Heute, ungefähr hundert Jahre später liegen die Gesundheitskosten bei 10 bis 15 %, gleich hoch wie die Kosten für Lebensmittel, die sich relativ halbiert haben. Diese Kostensteigerung ist die Folge von Fehlern in der Versorgungsstruktur des Gesundheitswesens, wie Oliver Peters vom BAG klarmachte. Die Kosten der ambulanten Versorgung stiegen in den letzten Jahren um 40 %, die Menge hingegen nur um 25 %. Das deutet darauf hin, dass zu viele und zu teure Untersuchungen durchgeführt werden. Oliver Peters machte ein Beispiel: Immer mehr PatientInnen (vor allem auch Personen über 70 Jahren) suchen als erste Anlaufstelle die Notfallaufnahmen der Spitäler auf. Dies ist eine direkte Folge des Hausärzte-Mangels. In der Notfallaufnahme kennt man aber den Patienten nicht, sodass sehr oft viele Untersuchungen durchgeführt werden (müssen), die eigentlich gar nicht nötig wären. Der Allgemeinpraktiker, resp. der Hausarzt, der die erkrankte Person kennt, würde diese Untersuchungen nicht anordnen. Herausfordernd sind aber nicht nur der Mangel an Allgemeinpraktikern, sondern auch die Aussichten im Bereich des Pflegepersonals: bis 2045 treten 60'000 Arbeitskräfte in den Ruhestand, müssen ersetzt werden. Schon heute stammt die Mehrheit der Arbeitnehmerinnen im Pflegebereich aus dem Ausland. Somit gilt es also die Gesundheits(personal)-Politik nicht isoliert von anderen Gesellschaftspolitischen Überlegungen – etwa der Einwanderungspolitik - zu betrachten.

Grösster Arbeitgeber

Das Gesundheitswesen stellt 11 % aller Beschäftigten, ist somit der grösste Arbeitgeber. 40'000 neue Stellen wurden in den letzten Jahren geschaffen. Nicht an erster Stelle steht die Branche aber im Ranking der Wertschöpfung. Diesen Rang hat die Pharmaindustrie inne.

Die Gesundheitskosten steigen doppelt so stark wie das Brutto-Inland-Produkt (BIP). Carlo Conti, der Präsident der Krankenkasse SWICA und frühere Regierungsrat des Kantons Basel-Stadt machte klar: «Es ist nicht realistisch, dass die Gesundheitskosten jemals wieder sinken werden.» Es sei letztlich eine Frage des Masses des jährlichen Anstiegs. «Wir müssen daraufhin arbeiten, dass die Gesundheitskosten nicht schneller steigen als die Wirtschaftsleistung.» Ein weiterer Effekt, er kann «Drehtüreffekt» genannt werden, gründet in der Tatsache, dass rund 60 % der über 65jährigen in einem Ein-Personen-Haushalt leben. Kehren diese Menschen aus einer stationären Behandlung im Spital nach Hause, gibt es niemanden, der sich um die Nachsorge kümmern kann. Der Weg zurück ins Spital ist oft vorprogrammiert.

71 Milliarden Franken

Auf diesen Betrag belaufen sich die jährlichen Gesundheitskosten in der Schweiz. Davon fallen zirka 20 % beim Staat an, 43 % decken die Sozialversicherungen (Krankenkassen). Das restliche Drittel der Kosten fällt bei den Privatpersonen an. Carlo Conti sagte, dass das Gesundheitswesen, das Krankenversicherungsgesetz (KVG) auf Solidarität basiert und dies auch in Zukunft so sein muss. «80 % der Spitalkosten werden von 20 % der Patientinnen und Patienten verursacht», führte er aus. Eine zentrale Frage heute und in Zukunft ist und wird sein: Soll alles gemacht werden, was technisch möglich ist. Die abschliessende Verantwortung für die Entwicklung der Gesundheitskosten liegt somit bei jedem und jeder einzelnen.

Die langjährige National- und Ständerätin Christine Egerszegi rief zu Beginn ihrer Ausführungen in den Saal «Der Krieg der Generationen, der so oft herbeigeschrieben wird, existiert nicht.» Waren früher die Jungen in der Pflicht, für die Alten zu sorgen, ist diese Aufgabe heute ausgelagert an das Gesundheitswesen. Die Bundesverfassung halte im Artikel 8, dem Diskriminierungsverbot fest, dass niemand diskriminiert werden darf, auch nicht aufgrund seines Alters. Es müsse, so Egerszegi, aber den Älteren und Alten auch klar sein, dass das Armutsrisiko heute viel eher bei Kindern und Müttern (Alleinerziehende) liegt. Sie schloss ihre Ausführungen mit sechs Wünschen an die Anwesenden, so zum Beispiel Verständnis für die Folgen der demographischen Entwicklung oder das Denken über die Generationengrenzen hinweg fördern, in beide Richtungen.

Fünf Medikamente, nicht mehr

In den abschliessenden Ausführungen von Erika Ziltener ging es auch um die Patientenverfügungen. «Eine Patientenverfügung muss aus eigenem Antrieb entstehen, und nicht aus dem schamhaften Gefühl, als alter Mensch der Gesellschaft zur Last zu fallen.» Auch gelte es, die Fehlerkultur in stationären Einrichtungen zu verbessern. In der Vermeidung von Fehlern liegt nach Ansicht von Ziltener ein beträchtliches Einsparpotential. «Wenn durch einen Fehler bei er Operation 1 in der Folge vier weitere Operationen nötig werden, dann ist das am Schluss in höchstem Masse kostenrelevant», so Ziltener. «Tragen Sie auch dazu bei, dass die oftmals sehr langen Medikamentenlisten regelmässig überprüft werden.» Es würden heute noch tagtäglich an alte Patient/innen zu viele Medikamente verabreicht, insbesondere zu viele Schlafmittel. «Es gibt eine alte Faustregel, die gar nicht so falsch ist: Fünf Medikamente, nicht mehr.»